Nomenklatur

:: ISCN ::

Die grundlegende Nomenklatur für den menschlichen Chromosomensatz und dessen die Bandenmuster wurde 1960 auf einer internationalen Konferenz festgelegt und seitdem entsprechend den methodischen Fortschritten weiterentwickelt.

Die letzte Anpassung erfolgte 2013 und wurde als "International System for Human Cytogenetic Nomenclature" (ISCN) veröffentlicht. (siehe :: Quellenangabe ::)

Die Chromosomenarme sind durch charakteristische Banden in Regionen unterteilt, die vom Zentromer ausgehend nach distal fortlaufend numeriert werden. Innerhalb dieser Regionen werden die hellen und dunklen Banden numeriert.

Als Grundplan dient das :: Ideogram::

:: Schreibweise ::

Zuerst wird die Anzahl der Chromosomen angegeben, gefolgt von einem Komma (,). Danach folgt die Angabe des Geschlechts (XX oder XY).

46,XX oder 46,XY

Der Typ der Veränderung wird durch ein Kürzel bezeichnet, danach werden die betroffenen Chromosomen und die entsprechenden Bruchpunkte angegeben.

Dazu sind 4 Punkte notwendig:
· die Chromosomennummer
· das Armsymbol
· die Nummer der Region
· die Nummer der Bande innerhalb dieser Region

z.B. 9q34 bedeutet: Chromosom 9, langer Arm, Region 3, Band 4 - wird daher nicht 34 (vierunddreizig) gesprochen sondern 3 4 (drei vier)

Subbänder werden mit einem Punkt angefügt: 1q42.1

:: Nomenklatur bei Aberrationen ::

 Schreibweise von strukturellen Aberrationen

· Kürzel der Veränderung

· Angabe des Chromosoms in runden Klammern ( )
Sind mehr als ein Chromosom beteiligt, werden sie durch ein Semikolon (;) getrennt. Ist eines der betroffenen Chromosomen ein Heterosom (X oder Y), wird dieses als erstes angeführt.
Bei Autosomen ist es die Regel, dass das Chromosom mit der niedrigeren Nummer zuerst genannt wird.

· Angabe der Bruchpunkte
Beim Bruchpunkt wird jene Region angegeben, die noch am Chromosom vorhanden ist.
Die Bruchpunkte werden in derselben Reihenfolge angegeben wie die beteiligten Chromosomen, ebenfalls mit einem Semikolon voneinander getrennt. Bei zwei Bruchpunkten innerhalb eines einzelnen Chromosoms werden keine Punktionen verwendet.

t(9;22)(q34;q11)
inv(3)(q26q29)

ein Bruchpunkt am Zentromer wird mit p11 oder q11 (Translokation, Deletion) angegeben
ein Bruchpunkt im Zentromer p10 oder q10 (z.B. Isochromosom)

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Strukturelle Aberrationen im Detail

· Translokation, abgekürzt t
das bedeutet, dass ein chromosomales Segment mit einem Segment eines anderen Chromosoms ausgetauscht ist.
Eine Translokation kann balanciert oder unbalanciert auftreten. Eine unbalancierte Translokation bedeutet, dass Chromosomenmaterial verlorengegangen ist.

t(9;22)(q34;q11)

· Insertion, abgekürzt ins
das bedeutet, dass ein chromosomales Segment sich an eine neue Position innerhalb desselben Chromosoms oder an ein anderes Chromosom setzt
Das Chromosom, in welchem sich das Segment befindet, wird zuerst angegeben.

ins(5;2)(p14;q22q32)
ins(2)(q13p13p23)

· Inversion, abgekürzt inv
das bedeutet, dass innerhalb eines Chromosoms ein Segment um 180° gedreht ist

inv(3)(q26q29)

Das Segment 3q26 bis 3q29 ist noch an derselben Stelle, nur verkehrt herum

· Deletion, abgekürzt del
das bedeutet, dass Chromosomenmaterial verloren gegangen ist

del(1)(q23)
del(1)(q21q31)

· Duplikation, abgekürzt dup
das bedeutet ein Vorhandensein einer Extrakopie eines Segments als Teil des Chromosoms

dup(1)(q21q31)

· Isochromosom, abgekürzt i
Isochromosome bestehen aus nur einem Arm, der doppelt vorhanden ist (wie ein Spiegel am Zentromer)

i(5p), besser i(5)(p10)
i(X)(q10)

· Ring Chromosom, abgekürzt r
Fusion eines Chromosoms zu einem Ring

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· Marker Chromosom, abgekürzt mar
ein zusätzliches, abnormales Chromosom, das nicht identifiziert werden kann
Kann auch nur ein Teil des Chromosoms einem anderen Chromosom zugeordnet werden, handelt es sich um ein Derivativ.
Das Marker Chromosom wird mit einem Pluszeichen angeschlossen.

47,XX,+mar
48,XY,+2mar

· Zusätzliches Material, abgekürzt add
das bedeutet, dass sich zusätzliches Material unbekannten Ursprungs an ein Chromosom angelagert hat

add(19)(p13)

· Derivativ, abgekürzt der
das bedeutet ein Entstehen eines quasi neuen Chromosoms durch strukturelle Umlagerungen zwischen zwei oder mehreren Chromosomen
Das derivative Chromosom wird in Klammern hinter das Symbol gesetzt, danach folgt die Auflistung der Veränderungen, die zur Entstehung des Derivativs geführt haben.

45,XX,der(13;21)(q10;q10)
46,XX,der(13;21)(q10;q10),+21
45,XY,der(1)t(1;3)(p22;q13),-3

· Plus (+) und Minus (-) Zeichen wird verwendet, um den Zugewinn oder Verlust eines ganzes Chromosoms anzuzeigen. Dies wird vor allem für numerische Aberrationen benötigt.

47,XY,+21
45,XY,-14

Wird das Zeichen hinter einem Armsymbol angegeben, zeigt dies eine Verkürzung oder Verlängerung des betreffenden Arms an.

46,XY, 21q+ besser add(21)(q?)

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Klone

Ein Klon ist eine Zellpopulation, die von einer einzelnen Vorläuferzelle ausgegangen ist. Weisen mehrere Metaphasen dieselben abnormalen Veränderungen auf, werden diese Zellen demselben klonalen Ursprung zugeordnet.

Innerhalb eines Tumor können mehrere Zelllinien auftreten (Subklone)

Die ISCN-Nomenklatur besagt, dass ein Klon existiert, wenn zwei oder mehr Zellen dieselbe strukturelle oder supernumerische Aberration aufweisen. Bei dem Verlust von einem Chromosom müssen mindestens drei Mitosen betroffen sein, um von einem Klon zu sprechen.

Wenn mehr als 1 Klon vorliegt, wird der Karyotyp jedes einzelnen Klons angegeben und mit einen Schrägstrich (Slash) (/) getrennt.

Eckige Klammern [ ] hinter dem Karyotyp gibt die Anzahl an Metaphasen an, in denen die Veränderung gefunden wurde (absolute Anzahl an Zellen des betreffenden Klons).

Subklone

Schreibweise Subklone bei Neoplasien:

Die Reihenfolge der Subklone/mehrerer Zelllinien wird nach steigender Komplexität (wenn möglich) gelistet, unabhängig von der Größe der Klone. Die Stammlinie wird als erste angegeben. Es wird KEIN mos (Mosaik) vor der Karyotyp-Formel angegeben.

46,XX,t(8;21)(q22;q22)[12]/45,X,-X,t(8;21)(q22;q22)[19]/46,X,-X,+8,t(8 ;21)(q22 ;q22)

Der Klon t(8 ;21) repräsentiert die Stammlinie (kommt in allen Mitosen vor), die anderen Klone sind nach steigender Komplexität der Aberration während der klonalen Evolution gereiht.

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Schreibweise von numerischen Aberrationen

Angabe der Chromosomenzahl, des Geschlechts und der zusätzlichen oder verlorengegangenen Chromosomen (mit einem Plus- oder Minuszeichen versehen).

47,XX,+21
45,XY,-16

Beim Verlust eines der beiden Heterosomen gibt es mehrere Schreibvarianten:

45,X (Ullrich-Turner-Syndrom)
45,X0 (tritt bei Neoplasien auf - das normalerweise vorhandene X- bzw. Y-Chromosom des Patienten ist beim Tumor verlorengegangen, daher die Null anstelle des zweiten Heterosoms)

Im komplexen Karyotyp mit mehreren Klonen, die zum Teil beide Heterosomen, zum Teil den Verlust eines Heterosoms aufweisen, wird das verlorengegangene Heterosom mit einem Minuszeichen angegeben.

46,XX,t(8;21)(q22;q22)[12]/45,X,-X,t(8;21)(q22;q22)[19]/46,X,-X,+8,t(8 ;21)(q22 ;q22)

Mosaike

· Mosaik, abgekürzt mos

Um die Zelllinien von Subklonen von einem Mosaik zu differenzieren, wird beim Mosaik zwar dieselbe Schreibweise angewandt, jedoch das Kürzel mos vorgesetzt. Der normale, diploide Klon wird immer als letzer angeführt.

mos 47,XY,+21/46,XY

Treten mehrere abnorme Klone auf, werden sie nach ihrer Größe sortiert (Anzahl der Zellen pro Klon) und diese in eckigen Klammern angegeben; wiederum der diploide Klon als letzter (unabhängig von seiner Größe).

mos 45,X[15]/47,XXX[10]/46,XX[23]

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Polyploider Karyotyp

Die Anzahl aller Chromosomen ist gleichmäßig erhöht, d.h. jedes Chromosom mehrfach vorhanden.

· dreifacher Chromosomensatz = Triploidie

69,XXX oder 69,XXY

Auch hier sind Aberrationen möglich.

70,XXY,+21
Triploidie mit einem zusätzlichen Chromosom 21

· vierfacher Chromosomensatz = Tetraploidie

92,XXYY

Angeborene Chromosomenanomalien in der Tumorgenetik

Wird eine Chromosomenanomalie (z.B. entstanden durch eine Neoplasie) in einem Menschen gefunden, der zusätzlich eine konstitutionelle (angeborene) Chromosomenanomalie aufweist, wird letztere durch ein kleines c hinter der Aberration gekennzeichnet.

46,Xc,+X
Tumorzellen mit einem zusätzlichen X-Chromosom bei einem Ullrich-Turner-Syndrom-Patienten

48,XXYc,+X
Tumorzellen mit einem zusätzlichen X-Chromosom bei einem Klinefelter-Syndrom-Patienten


48,XY,+21c,+21
Tumorzellen mit einem zusätzlichen Chromosom 21 bei einem Down-Syndrom-Patienten

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:: Quellenangabe

· ISCN 2013 - An International System for Human Cytogenetic Nomenclature

Autor: L. G. Shaffer, J. McGowan-Jordan, M. Schmid
Verlag: Karger
ISBN 3-8055-8019-3