PID und embryonale Stammzellforschung

Eine neue Denkaufgabe für Ethiker

PID und embryonale Stammzellforschung: Ein neuer Zusammenhang als Rechenaufgabe für Ethiker.

ZellentnahmeGenetische Präimplantationsdiagnostik (PID) - ob an Polkörpern der Eizelle vor abgeschlossener Verschmelzung von Samen und Eizelle (ethisch unbedenklicher, aber mit leichten Einschränkungen und technisch komplizierter) oder am Achtzeller (aus ethischer Sicht diskussionswürdiger) - ist eine genetische Diagnosemethode im Zuge der künstlichen Befruchtung vor der Implantation des Embryos, also vor Eintreten der Schwangerschaft.

Die Gegner sprechen von inakzeptabler künstlicher Selektion. Befürworter argumentieren, dass dadurch Eltern mit Anlagen für monogenetische Erkrankungen oder für ein gehäuftes Auftreten von chromosomalen Veränderungen bei den Nachkommen bisher oft in Anspruch genommene Schwangerschaftsabbrüche erspart werden können. Es kann einer Frau dadurch z. B. auch erspart werden im Zuge künstlicher Befruchtung Embryonen eingesetzt zu bekommen, die aufgrund bestimmter genetischer Anlagen keinerlei Überlebenschance besitzen. Im Zuge der künstlichen Befruchtung können Mehrlingsschwangerschaften (entstehen bisher durch Einsetzen von mehr Embryonen zur Steigerung der Erfolgsaussichten) minimiert werden, die Schwangerschaftsrate gesteigert und die Fehlgeburtenrate gesenkt werden.

Die naturwissenschaftliche Bedeutung der PID für die meisten dieser Aspekte stand stets außer Zweifel. Dass mittels PID die Erfolgsrate der künstlichen Befruchtung bei bestimmten Patientinnen gesteigert werden kann, wurde angenommen, galt es aber aufgrund der weltweit niedrigen Zahlen an solchen Untersuchungen noch zu belegen. Gerade heuer konnten diese Effekte aber durch die Veröffentlichung verschiedener Studien klar bewiesen werden (z. B. Reprod. BioMed. Onl. 10, 628; Reprod. BioMed. Onl. 10, 633; Reprod. Biomed. Onl. 11, 219). Unklarheiten betreffend diese Effekte stiftete eine andere Studie, die nicht zu diesem Schluss kam (Hum. Repr. 19, 2849). Es stellte sich aber heraus, dass diese nicht nach international anerkannten wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt wurde (Hum. Repr. 20, 2362; Hum. Repr. 20, 2363).

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Die Stammzellforschung sieht ihr Ziel in der Verwendung von Stammzellen um verloren gegangene oder geschädigte Zellverbände des menschlichen Körpers wieder regenerieren zu können. Bei einer Vielzahl von Erkrankungen sind zukünftige therapeutische Anwendungen denkbar. Das Spektrum heutiger Anwendungen solcher Ansätze ist aber noch klein. Große Hoffnungen setzen internationale Forschergruppen in die Verwendung humaner embryonaler Stammzellen. Diese, davon geht man heute aus, haben ein noch sehr hohes Potenzial sich in viele verschiedene humane Zelltypen zu differenzieren und könnten daher als Quelle verschiedenster Therapieansätze dienen.

Gewonnen werden können diese Zellen heute allerdings nur durch das Verbrauchen wenige Tage alter humaner Embryonen. Wer aber davon ausgeht, dass diese Embryonen seit der Verschmelzung von Samen und Eizelle individuelles schützenswertes Leben sind (wie die römisch katholische Kirche) muss automatisch ethische Bedenken äußern. Alternative Quellen für Stammzellen, wie etwa humanes Fruchtwasser, werden beforscht. Was aber wäre, wenn man embryonale Stammzellen aus nicht-entwicklungsfähigen Embryonen gewinnen könnte?

Embryonen, die ausgelöst durch einen schweren genetischen Defekt wenige Stunden/Tage nach Verschmelzen von Ei- und Samenzelle ihre weitere Entwicklung stoppen, sind weder einen klinischen Tod noch einen Hirntod gestorben. Man benötigt vielleicht eine neue Definition: den genetischen Tod.

Was also wäre, wenn man aus solchen genetisch toten Embryonen humane Stammzellen gewinnen könnte? Neueste Erkenntnisse von den Kollegen Santiago Munne und Jacques Cohen aus New Jersey zeichnen ein neues Bild. Aus Embryonen, die durch die dortige routinemäßige Anwendung der PID zur Steigerung der Erfolgsraten der künstlichen Befruchtung als chromosomal schwer geschädigt diagnostiziert wurden, wurde der Versuch gestartet, durch bestimmte künstliche Kulturbedingungen embryonale Stammzellen zu generieren.

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Eigentlich aus einem ethischen Argument der Wissenschafter heraus. Die Autoren meinen, da diese Embryonen nicht lebensfähig sind, wäre dies ein ethisch vertretbarerer Ansatz, embryonale Stammzellen zu gewinnen (Fertil. Steril. 84, 1328). Aus einigen solcher genetisch veränderten Embryonen konnten Zellkulturen angelegt werden.

Einige wieder davon wiesen ein unglaubliches Phänomen auf: Sie enthielten auch genetisch normale Zellen. Genetisch abnormale Stammzelllinien könnten für Therapien am Menschen nicht eingesetzt werden. Es gelang aber aus ein paar solchen nicht-lebensfähigen Embryonen genetisch normale humane embryonale Stammzellen zu gewinnen - ein Reparaturmechanismus, der zumindest in Zellkultur auftritt, macht es möglich. Ein Reparaturmechanismus, der nach Meinung seiner Entdecker zwar durch bestimmte genetische Veränderungen tote Embryonen nicht wieder zum Leben erwecken kann und daher auch eine Implantation solcher Embryonen nicht möglich macht, der es aber in manchen Fällen ermöglicht, aus bestimmten Zellen dieser Embryonen normale Stammzelllinien herzustellen (Nature 437, 1075).

Die PID also um Schwangerschaftsabbrüche zu minimieren oder die Erfolgsrate der künstlichen Befruchtung zu steigern. Aber auch um den genetischen Tod von Embryonen (oder vielleicht sollte man hier von Prä-Embryonen sprechen?) festzustellen, die schließlich eines Tages (in weiter Zukunft) als Quelle für Stammzelltherapien ohne Verbrauchen humaner lebender Embryonen dienen? Ganz bestimmt eine neue Denkaufgabe für all diejenigen, die darüber nachdenken wollen.

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Der Autor dieses Textes

Univ.Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger (Genetiker)
Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik Universitätsklinik für Frauenheilkunde - AKH
Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien
Tel: +43-1-40400 DW 7847
e-mail: markus.hengstschlaeger at meduniwien.ac.at

Erschienen in: diepresse.com | Wien
22.12.2005 - Meinung / Gastkommentare

mit freundlicher Genehmigung des Autors

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ein Artikel von Univ.Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger (2006)

:: Präimplantationsdiagnostik als Testfall ::

ein Artikel von M. Langer, J.C.Huber, M.Hengstschläger (2001)