Tagebuch eines Klons

8. April

Gestern war Elternsprechtag, und heute haben mir schon drei Lehrer gesagt, wie ungemein ähnlich ich meiner Mutter sehe. Das habe ich natürlich früher auch schon manchmal gehört, aber damals habe ich ES noch nicht gewusst. Außerdem wird die Ähnlichkeit natürlich größer, je älter ich werde.

23. April

Ich habe mit Oma alte Fotos angesehen. Manchmal ist es tatsächlich so, dass ich selbst nicht sicher bin, ob ICH das auf dem Foto bin, oder meine Mutter. Wenn sie nicht meistens so altmodische Klamotten an hätte, könnte man uns kaum unterscheiden. Oma freut sich immer über unser Ähnlichkeit. Ich frage mich, ob sie ES nicht weiß.
Ich möchte wenigstens eine andere Frisur haben.

24. April

Ich war heimlich beim Frisör und habe mir die Haare kinnlang schneiden und rot färben lassen. Mann, war das ein Aufstand! Dabei sieht es nicht einmal unmöglich aus! Ich hätte mir ja auch eine Glatze oder blaue Stacheln machen lassen können! Ich glaube, Mutter will, dass ich genauso aussehe wie sie. Ich soll eine verbesserte Version von ihr sein. Aber sie ist Doris, und ich bin Victoria. Ich bin nicht sie!

6. Mai

Ich bin fix und fertig. Vererbungslehre in Biologie: das Kind erbt eine Mischung der Eigenschaften von Vater und Mutter, bla bla bla! Mich wundert, dass ich nicht rausgehen und kotzen musste. Zum ersten Mal, seit ich ES weiß, wurde mir klar, dass Doris gar nicht meine Mutter ist! Und wer ist mein Vater? Ich habe keinen Vater!

6. Mai (Nachtrag)

Ich habe im Grunde genommen auch keine Mutter. Wer sind meine Eltern? Sind es Oma und Opa? Genetisch gesehen bin ich eine Mischung aus ihren Genen. Aber sie sind die Eltern von Doris, nicht von mir. Und Doris? (Ich bringe es nicht mehr fertig, sie "Mutter" zu nennen.) Ist sie meine Zwillingsschwester? Meine Gebär-Mutter? Ist sie ich?

7. Mai

Ich habe mich mit Clara und Laura unterhalten, natürlich ganz unauffällig. Sie sind eineiige Zwillinge und sehen völlig gleich aus. Sie haben mir erzählt, dass sie schon früher darüber nachgedacht haben, wie das wohl gewesen sein muss, als sie noch gemeinsam eine Eizelle waren: ob sie da beide die Clara waren, oder beide die Laura? Oder waren sie "Claura"? Heute lachen sie darüber, sagen sie, weil so eine Frage dumm ist. Sie waren eben ein Ei, das sich später geteilt hat. Die beiden stehen sich sehr nah.
Ich war nie eine Eizelle.

Bevor ich Victoria wurde, war ich schon 40 Jahre lang Doris. Der Gedanke ist entsetzlich. Ich habe schon 40 Jahre lang gelebt, bevor ich überhaupt erst einmal ein Baby wurde!!! ICH WAR DORIS!
Ich war eine Zelle in ihrem Körper (ich weiß nicht einmal, an welcher Stelle - vielleicht will ich das auch gar nicht wissen ...), ich bin buchstäblich ein Stück von ihr!
Ich hasse sie.

10. Mai

Muttertag. Ich habe verweigert. Wer ist meine Mutter? Wen ich soll ich zu Muttertag ehren?

11. Mai

Michael, der Mann von Doris, mit dem ich überhaupt nicht verwandt bin, hat ein "ernstes Gespräch" mit mir geführt. Wegen diesem Muttertags-Theater von gestern. Ich habe ihm gesagt, dass ich ES weiß. Er hat nichts darauf geantwortet, nur geschwiegen. Warum, warum haben die beiden mich nicht einfach gezeugt wie alle normalen Eltern? Konnte er nicht, oder was? Der Versager!
Ich wünschte, er wäre mein Vater.
Ich wünschte, irgend jemand wäre mein Vater!

12. Mai

Jetzt fängt Doris auch noch an "pädagogische Gespräche" zu führen! Ätzend! Wenn sie mir wenigstens erkären würde, warum sie das damals getan hat! Wollte sie sich selbst verewigen? Oder war's wissenschaftliches Interesse? Vielleicht hat sie sogar Geld dafür bekommen? Bestimmt gibt es irgendwo eine Sammlung von wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen über uns berichtet wird. Allein der Gedanke ist abstoßend!
Na, jedenfalls kommt sie mit so einem Schmus von wegen sie würde mich ja so gut verstehen, weil wir uns doch so ähnlich wären ... Ha! Ähnlich! Wir sind gleich!

13. Mai

Wir sind nicht gleich. Überhaupt nicht. Wie kann sie denken, sie könnte mich verstehen???
SIE hatte Eltern - eine Mutter, von der sie die Nase hat, und einen Vater, von dem sie die blauen Augen hat. Und was hab ich? Eine Doris, von der ich alles hab - und niemanden, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich bin Frankensteins Monster.
Erschaffen aus toten Körperteilen.
Ich bin ein Monster.

28. März

Heute ist es ein Jahr her, seit ich ES erfahren habe.

17. September

Es geht mir etwas besser. Ich glaube, die Therapie hilft mir doch.

9. Februar

ICH BIN VICTORIA!

Artikel aus dem Informationsblatt Nr.1/März 2003
Österreichische Lebensbewegung